Heimat, spiegelverkehrt
Wer verstehen möchte, braucht Perspektiven. Aus technischer Perspektive ist ein Porsche zunächst einmal ein Sportwagen – ein schnelles, ausgereiftes und außergewöhnliches Automobil, unabhängig davon, für welches Modell man sich entscheidet. Genau darin liegt ein Teil der Faszination Porsche.
Der andere Teil der Faszination Porsche ist die emotionale Perspektive. Man kauft eben nicht nur einen Sportwagen – man wird Teil einer Gemeinschaft. Ob Guards Red oder Slate Grey, ob Turbo oder Electric, ob Links- oder Rechtslenker: Diese Gemeinschaft versteht sich über Modelle, Antriebe und Landesgrenzen hinweg.
Porsche, britisch interpretiert
Wie lebendig und global diese Gemeinschaft ist, zeigt ein Blick nach Großbritannien. Seit der Präsentation des ersten Porsche 356 im Jahr 1951 ist hier eine Community entstanden, ihresgleichen sucht. Der Porsche Club Great Britain gilt als der größte anerkannte Porsche-Club Europas, der britische Markt ist heute das viertgrößte Absatzgebiet für Porsche weltweit.
Und: Das Jahr 2026 ist für Porsche Cars Great Britain ein besonderes. Die Marke feiert ihr 75-jähriges Jubiläum, außerdem 75 Jahre Porsche Motorsport und 65 Jahre Porsche Club Great Britain. Drei Gründe für eine große Feier – und mit dem „Icons of Porsche, Sunstede Silverstone Edition“-Event, der am 20. und 21. Juni 2026 über die Bühne ging, haben die Briten eindrucksvoll geliefert.
Sunstede ist ein altenglisches Wort für Sommersonnenwende – das Festival fand passenderweise am längsten Tag des Jahres statt. Ebenso passend: Porsche-Modelle in den Farben des Sonnenuntergangs.
Eine historische Bühne
Kaum ein Austragungsort hätte besser zu Porsche und Großbritannien passen können als Silverstone. Die historische Rennstrecke ist mit der Marke eng verbunden: Hier gab 1982 der 956 sein WM-Debüt, hier drehte 2014 der 919 Hybrid seine ersten Runden. Beide Fahrzeuge sollten wenig später zu den erfolgreichsten Le-Mans-Prototypen der Marke werden: Der 956 gewann Le Mans viermal in Folge zwischen 1982 und 1985, der 919 Hybrid dreimal hintereinander zwischen 2015 und 2017. Auch das Porsche Experience Centre, seit 2008 an der Hangar Straight gelegen, war weltweit das erste seiner Art. Für das „Icons of Porsche, Sunstede Silverstone Edition"-Event wurde dieser Ort zum Treffpunkt für Porsche-Enthusiasten aus aller Welt.
Für viele der 10.000 Besucher begannen die Icons of Porsche Feierlichkeiten aber nicht erst in Silverstone. Bereits am Morgen traf sich die britische Porsche-Szene an zahlreichen Orten des Landes, um von dort gemeinsam zum Sunstede-Festival aufzubrechen. Einer dieser Sammelpunkte war Bicester Motion in Oxfordshire. Der ehemalige Flugplatz der Royal Air Force ist heute eines der wichtigsten Zentren für klassische Fahrzeuge und Motorsportkultur – und für einen Tag Austragungsort eines hochkarätig besetzten Cars & Coffee Events.
Mehr Cars als Coffee: Gut 100 Porsche-Modelle gaben sich beim Treffen vor dem Treffen die Ehre. Das Gelände der Bicester Motion verwandelte sich für diesen Tag in ein Geschichtsbuch zum Anfassen.
Was sich auf dem geschichtsträchtigen Gelände einstellte, wirkte wie ein begehbares Archiv der Marke. Ein früher 356, nur wenige Meter von einem nagelneuen Cayenne Electric entfernt, ein 928 teilte sich die Reihe mit einem 918 Spyder, dazwischen unzählige Elfer aller Generationen. Bicester war nur ein kleiner Treffpunkt einer lokalen Szene – doch schon hier wurde deutlich, welche Dimension das Wochenende in Silverstone annehmen sollte.
Zusammen kommt, was zusammen gehört
Ganz gleich, wie groß die Erwartungen waren – in Silverstone wurde niemand enttäuscht. Rund um das Porsche Experience Centre und entlang der Grand-Prix-Strecke präsentierte die Marke die gesamte Bandbreite ihrer Geschichte: ikonische Rennwagen aus dem Porsche Museum, Kundenfahrzeuge aus mehreren Jahrzehnten, dazwischen aktuelle Serienmodelle und begehrte Klassiker.
Ein Porsche 917 auf dem Asphalt von Silverstone – ohne Absperrband und Zutrittsbeschränkung. Wer neben unzähligen Porsche-Modellen in allen Farben auch Motorsportgeschichte erleben wollte, kamm beim Sunstede-Festival voll auf seine Kosten.
Neben dem Porsche Experience Centre stand das sicherlich auffälligste Bauwerk des Wochenendes: Jene 21 Meter hohe Skulptur des Künstlers Gerry Judah, die ursprünglich für das Goodwood Festival of Speed 2023 geschaffen wurde. Darauf sind sechs Neunelfer montiert, gehalten in Guards Red, Carrara White und Bali Blue – den Farben des Union Jack. Ein 911 G-Modell Targa, ein 964, ein 993 Carrera, ein 996 Turbo, ein 997 GT3 RS, ein 991 GT3 Cup.
Vorbei an der Skulptur öffnete sich das Gelände für einen Rundgang, der die gesamte Markengeschichte abbildet. Historischer Ausgangspunkt war einer der ersten drei 356, die 1951 nach Großbritannien geliefert wurden. Von dort spannte sich der Bogen über frühe Elfer, die wassergekühlten Modelle 924, 944 und 928, bis zu aktuellen Serienfahrzeugen wie dem 911 GT3 S/C und dem Cayenne Turbo Electric. Dazwischen: Taycan, Macan, Panamera – und etliche Farben, die man in Mitteleuropa selten sieht.
Mut zur Farbe: Während sich der österreichische Autofahrer lieber bedeckt hält, scheinen die Briten durchaus Gefallen am Ausgefallen zu finden.
Zwei Weltpremieren: Von Earls Court bis Greek Street
Besonders im Rampenlicht standen zwei Weltpremieren – und beide erzählen eine britische Geschichte. Der 911 GT3 Earls Court 51 Edition, limitiert auf 51 Exemplare, wurde von Porsche Cars Great Britain gemeinsam mit der Porsche Exclusive Manufaktur in Stuttgart entwickelt. Sein Farbton Earlscourtgreen ist eine Hommage an das grüne 356 Coupé, das 1951 auf der Earls Court Motor Show in London präsentiert wurde. Zur Erinnerung an diesen Ursprung stand neben dem Neuwagen ein originaler 356 aus dem Jahr 1951 in derselben Farbe – restauriert von der Manufaktur Sonderwunsch Classic bei Stuttgart.
Limitiert auf 51 Stück, lackiert in Earlscourtgreen. Der Porsche 911 GT3 Earls Court 51 Edition feierte beim Sunstede-Festival Weltpremiere.
Eine zweite Weltpremiere zeigte, wie weit die britische Prägung bei Porsche reichen kann: der Taycan Turbo S Soho House One, entwickelt vom Sonderwunsch-Team gemeinsam mit Soho Home, dem Designarm des Londoner Members-Clubs Soho House. Lackiert in Greekstreetgreen – benannt nach der grünen Tür des ursprünglichen Soho House in der Greek Street. Zwei völlig verschiedene Autos, ein gemeinsamer Ansatz: Ein konkreter Ort, eine konkrete Geschichte, ein Auto als Antwort darauf.
Ebenfalls Weltpremiere, wenn auch etwas leiser: Der vollelektrische Porsche Taycan Turbo S Soho House One.
Eine Sprache, die man überall spricht
Nach zwei Tagen in Silverstone wird deutlich, dass sich die Marke Porsche nicht allein auf der Rennstrecke oder im Showroom definiert, sondern über die Menschen, die sie fahren. Die Begeisterung für Technik, Motorsport und Design kennt weder Landesgrenzen noch die Frage, auf welcher Seite das Lenkrad sitzt. Die technische Perspektive ist das Fundament, das die Menschen zu Porsche zieht. Die emotionale Perspektive ist der Grund, warum sie bleiben – ob als Kunden, Sammler oder Enthusiasten.
Schwer zu übersehen: Die Skulptur von Gerry Judah zierte bislang das Goodwood Festival of Speed. Ihre neue Heimat hat sie beim Porsche Experience Center in Silverstone gefunden.