Wiener Blut

Diese Geschichte beginnt in einem Eckhaus im neunten Wiener Gemeindebezirk, führt in eine Universität, die einem „Schwarzhörer“ später einen Ehrendoktor verleiht, und endet auf einem Parkplatz, auf dem heute Fahrschüler üben. Mit Porsche hat das wenig zu tun, sollte man als geneigter Leser meinen. Aber: Das Gegenteil ist der Fall.

Einen Porsche GT3 RS sieht man nicht alle Tage – deshalb kann ich dem verdutzten Fahrlehrer die Frage nicht verdenken, die er mir auf einem Parkplatz in einem Wiener Außenbezirk stellt: „Was machst du mit diesem Wahnsinnsgefährt ausgerechnet hier, auf einem Betonfeld mitten im Nirgendwo?“ Klar, ich habe mit etwas Aufmerksamkeit gerechnet – ein GT3 RS ist per se schon keine Stangenware, dekoriert mit der rot-weißen „Salzburg-Livery“ ist er schlicht und einfach nicht zu übersehen. Dass er hier parkt, neben einem kleinen Übungsplatz für Fahranfänger, umringt von Hochhäusern und einem verlassenen Werksgebäude, macht das Bild vollends absurd – und trotzdem, all das hat einen guten Grund: Ich suche die Spuren des Namens einer Marke, die mit Wien deutlich mehr zu tun hat als viele glauben. Und dieser verlassene Parkplatz ist eine davon.

Der elektrisierende Anfang

Würde ich Sie fragen, welche Stadt Sie mit dem Namen Porsche verbinden, wäre die naheliegendste Antwort wohl: Stuttgart. Und das ist durchaus berechtigt, denn in der Kronenstraße 24, nur wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt, gründete Ferdinand Porsche am 25. April 1931 das Unternehmen „Dr. Ing. h.c. F. Porsche GmbH, Konstruktionen und Beratung für Motoren und Fahrzeuge“. Aus diesem Konstruktionsbüro sollte später die Marke Porsche hervorgehen – einer der bekanntesten und renommiertesten Sportwagenhersteller der Welt. 

Stuttgart erzählt aber nur die halbe Geschichte. Das Fundament für den heutigen Weltkonzern legte Porsche in der österreichischen Hauptstadt – lange bevor mit dem 356 der erste Sportwagen der Marke das Licht der Welt erblicken sollte. Im Alter von 18 Jahren übersiedelte Ferdinand Porsche aus dem nordböhmischen Maffersdorf nach Wien, wo er zuerst für die Elektrofirma Béla Egger & Co. arbeitete. Hier begann der gelernte Installateur als einfacher Arbeiter, stieg dank seines großen Talents in vier Jahren zum Leiter des Prüfraums auf und konstruierte sein erstes Fahrzeug: Das Egger-Lohner Elektromobil C.2 Phaeton – auch bekannt als P1. Viele nennen ihn heute den ersten, inoffiziellen Porsche. Vor allem aber reifte in dieser Zeit eine Idee, die ihn später berühmt machen sollte: der elektrische Radnabenmotor.

Eingefleischten Porsche-Enthusiasten ist der Name Lohner ein Begriff: 1899 wechselte Ferdinand Porsche von Béla Egger & Co. in die k.u.k. Hofwagenfabrik Jacob Lohner & Co., ein Jahr später wurde der System Lohner-Porsche auf der Pariser Weltausstellung 1900 präsentiert. Dieses Fahrzeug war revolutionär. Der Antrieb wanderte dank zwei von Porsche entwickelten Radnabenmotoren von der Karosserie in die Räder, wodurch sämtliche Ketten, Riemen, Wellen und Getriebe überflüssig wurden. Der Wirkungsgrad des Antriebs war für damalige Verhältnisse enorm – ebenso wie die Bewunderung für Porsches Entwicklung: Der System Lohner-Porsche wurde auf der Weltausstellung mit der Goldmedaille prämiert und erlangte weltweiten Ruhm. Das Gebäude im neunten Wiener Gemeindebezirk, das Sie auf dem folgenden Bild sehen, war der Stammsitz von Lohner & Co. – in gewisser Weise ist es das Epizentrum der Marke Porsche.

Vom Schwarzhörer zum Namensgeber

Die nächste Spur führt mich ins Zentrum, an den Rand des vierten Bezirks, vor ein Gebäude der Technischen Universität Wien. Es ist der wohl facettenreichste Ort der heutigen Reise: Ferdinand Porsche war zwar nie an dieser Hochschule inskribiert – vom Besuch der Vorlesungen sollte ihn das aber nicht abhalten. Hier eignete er sich in den 1890er Jahren als „Schwarzhörer“ seine theoretischen Fähigkeiten an, und obwohl er damit die Universitätsregeln brach: hier erhielt er 1917 seinen Ehrendoktortitel. Der eingetragene Markenname von Porsche – „Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG" – fußt auch heute noch auf dieser Ehrung.

Die Verbindung zwischen der Technischen Universität und Porsche geht aber wesentlich tiefer. 1965 wurde auch Ferdinand Porsches Sohn Ferry der Ehrendoktor verliehen, seit 1977 vergibt die TU Wien den „Porsche Preis der Technischen Universität Wien“ – eine hochdotierte Auszeichnung für Innovationen in der Fahrzeugtechnik. Gestiftet wurde er von Ferdinands Tochter Louise Piëch, die mit der Porsche Holding Salzburg den erfolgreichsten Automobilhändler Europas aufbaute. Wenn man möchte, laufen an der TU Wien die Fäden zusammen: der Anfang, die Familie und das Erbe von Porsche.

Geschichte zum Anfassen: Das Technische Museum

Einige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums springen wir nochmals um Jahre zurück. Sie erinnern sich an den System Lohner-Porsche? Im Technischen Museum Wien steht das Originalfahrzeug von 1900 – exakt jenes Fabrikat, das auf der Pariser Weltausstellung ausgezeichnet wurde. Es ist eines der erklärten Highlights der Dauerausstellung „Mobilität“ – ein 126 Jahre altes Stück Ingenieurskunst, dessen Antrieb noch immer dort sitzt, wo ihn Ferdinand Porsche einst hineinkonstruierte.

Unter rund 800 Objekten der Sammlung gehört der System Lohner-Porsche zu den wenigen, die das Museum eigens heraushebt. Und je länger man davorsteht, desto klarer wird, warum. Der Antrieb im Rad, kein Getriebe, kaum Leistungsverluste: Was Ferdinand Porsche um 1900 als pragmatische Lösung erkannte, gilt heute, in der Welt des Elektroautos, vielen als das technische Ideal. So gesehen stand die Zukunft der Mobilität, über die heute alle reden, in Wien schon vor 126 Jahren auf der Straße.

Ein Betonfeld mitten im Nirgendwo

Eine Antwort bin ich Ihnen noch schuldig geblieben: Was hat ein Parkplatz in einem Wiener Randbezirk mit Porsche zu tun? Tatsächlich war der Ort, auf dem heute Fahrschüler ihre ersten Runden drehen, bis 1977 ein Flugfeld. Eröffnet 1912, jahrzehntelang als Tor der Wiener Luftfahrt genutzt, und als der Linienverkehr nach Schwechat abgewandert war: auch eine Rennstrecke.

Von 1956 bis zum letzten Rennen im März 1977 wurde aus den drei Pisten und ihren Rollwegen ein 2,7 Kilometer langer Kurs, auf dem die größten Namen des Motorsports fuhren: Jochen Rindt, Niki Lauda, Stirling Moss, Jack Brabham – sie alle malten hier ihre Spuren in den Asphalt. Besonders ein Tag gehört unweigerlich in diese Geschichte: Der 16. Oktober 1966. Im Sportwagenrennen um den „Donaupokal“ trafen zwei Porsche Carrera 6 aufeinander – am Steuer des einen saß der österreichische Formel-1-Held Jochen Rindt, am Steuer des anderen der niederländische Formel-V-Fahrer Gijs van Lennep. Der Ausgang dieses ungleichen Duells: Der Underdog van Lennep hielt Rindt überraschend über in Schach, und als der Österreicher in der letzten Runde patzte, war der Sieg dem Niederländer nicht mehr zu nehmen.

Der Asphalt unter mir hat also Geschichte – genauso wie das Auto, das heute darauf steht. Die „Salzburg Livery“ auf diesem Porsche GT3 RS erinnert an den Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1970 – an den allerersten Le-Mans-Sieg von Porsche überhaupt. Ein historischer Moment, den nicht die Werkscrew aus Stuttgart erzielte, sondern das Rennteam von Porsche Salzburg. Der Porsche 917, mit dem Hans Herrmann und Richard Attwood triumphierten, stammte aus der Rennsportabteilung der Porsche Alpenstraße unter der Ägide von Ferdinand Piëch, seine Mutter Louise Piëch leitete das Team.

Am Ende des Tages bleibt für mich folgender Schluss: Stuttgart ist die Marke – das war nie die Frage. Dort wurde das Unternehmen gegründet, dort wurde aus dem Namen Porsche ein Versprechen. Und dieses Versprechen versteht man auf der ganzen Welt. Welche Rolle bleibt dann für Wien? Für mich ist Wien der Anfang, den kaum jemand kennt. Diese Stadt trägt ihre Porsche-Geschichte nicht zur Schau, man stolpert eher zufällig über sie. Auf einem Betonfeld mitten im Nirgendwo, zum Beispiel.

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