Der stärkste GTI aller Zeiten — und immer noch ein Golf
Es gibt eine schlechte Nachricht, und die wollen wir zuerst benennen: Der VW Golf GTI Edition 50, den Sie auf diesen Bildern sehen, ist ausverkauft. Das Sondermodell zum 50-jährigen GTI-Jubiläum war nicht nur wegen seiner Limitierung begehrt – auch der Blick auf das Datenblatt hat es in sich: 325 PS, 420 Nm, 5,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h, 270 km/h Spitze, und eine Rundenzeit von 7:44,523 Minuten auf der Nürburgring-Nordschleife – die bisher schnellste für frontgetriebene Serienfahrzeuge.
Die 19-Zoll-Räder tragen dieselbe Farbe wie der Grillrahmen des ersten GTI von 1976. Damals waren rote Zierlinien und schwarz lackierte Chromteile die einzigen äußeren Hinweise auf 110 PS - Aufkleber und Streifen überließ man der Konkurrenz.
Die gute Nachricht folgt sogleich: Ein Golf GTI verschwindet niemals ganz von der Bildfläche. Über 2,5 Millionen Exemplare wurden seit 1976 gebaut, ein guter Teil davon ist noch immer im Einsatz – bei Treffen am Wörthersee, in Sammlergaragen, auf ganz normalen Landstraßen. Vor allem aber reicht die Idee hinter dem Kürzel GTI über Modellzyklen hinaus. Sie ist älter als das Auto selbst, und sie stand am Anfang nicht einmal auf einem offiziellen Plan.
Zivil, aber sportlich
Zu verdanken ist der Golf GTI Edition 50 einem gewissen Alfons Löwenberg. Der Versuchsingenieur trat im März 1973 mit einer Idee an seine Kollegen im Forschungs- und Entwicklungsteam heran: Volkswagen sollte ein echtes Sportmodell bauen, um Kundengruppen zu erschließen, die das Unternehmen bis dahin nicht hatte. Das Interesse war überschaubar, kurze Zeit später folgte die Ölkrise, offiziell war an ein Sportmodell nicht zu denken.
Löwenberg fand trotzdem Gleichgesinnte: den Marketingmann Horst-Dieter Schwittlinsky und den Leiter der Pressestelle, Anton Konrad. Im Herbst 1974 traf sich die Runde bei Konrad zu Hause. Die ersten, radikalen Entwürfe entstanden ohne offiziellen Auftrag – mit bretthartem Fahrwerk und riesigem Auspuff – wurden aber bald wieder verworfen. Der Sport-Golf sollte zivil bleiben, zum Einkaufen fahren und für die Langstrecke taugen.
Als die Serienversion des Golf GTI 1975 vorgestellt wurde, lag genau darin die eigentliche Revolution. Der GTI verband Eigenschaften, die zuvor selten zusammen gedacht wurden: Vernunft und Emotion, Alltag und Dynamik, Understatement und Charakter. Sportlichkeit musste nicht länger den Verzicht auf Komfort bedeuten, und Fahrspaß war plötzlich nicht mehr ausschließlich den Besitzern teurer Sportwagen vorbehalten. Dieses Prinzip prägt den GTI bis heute.
Der EDITION 50 ist gut einen halben Meter länger als der erste GTI, der auf 3,82 Meter kam und ausschließlich als Dreitürer zu haben war. Fünf Türen, größerer Kofferraum, mehr Platz — gewachsen ist der Golf über acht Generationen vor allem im Alltag.
Mehr als Leistung: eine Identität auf vier Rädern
Natürlich wurde der Golf GTI über seine acht Generationen hinweg stets stärker, schneller und technisch anspruchsvoller. Doch die Faszination GTI lässt sich nicht allein in Pferdestärken, Beschleunigungswerten oder Rundenzeiten messen. Sie steckt ebenso in den Details, die über Jahrzehnte zu Markenzeichen geworden sind – in dem roten Streifen im Kühlergrill oder dem charakteristischen Karomuster der Sitze. Aus Designelementen wurden Erkennungszeichen. Aus einem Fahrzeug entwickelte sich eine Gemeinschaft.
Die rote Linie im Kühlergrill ist das älteste GTI-Erkennungszeichen überhaupt und seit 1976 ununterbrochen im Programm.
Das Karomuster stammt aus dem Jahr 1976, damals in Schwarz-Rot auf Recaro-Sportsitzen, heute mit dunkelgrünen Akzenten. Dazu gehörten von Anfang an ein Sportlenkrad aus dem Scirocco TS und ein Schaltknauf in Form eines Golfballs.
Das schnellste und stärkste Geburtstagsgeschenk
Auch der Golf GTI Edition 50 ist stärker, schneller und technisch anspruchsvoller als jeder GTI zuvor. Sein Fahrwerk liegt 15 Millimeter tiefer als beim Serien-Golf und fünf Millimeter tiefer als beim GTI Clubsport, dazu kommen versteifte Federbeinlager, ein steiferes Lenklager im Querlenker, modifizierte Radträger für mehr Sturz an der Vorderachse, eine geänderte Anbindung der Spurstangen hinten und steifere Dämpferlager.
Hier steckt der eigentliche Fortschritt: 15 Millimeter tiefer als der Serien-Golf, modifizierte Radträger für mehr Sturz, dazu eine elektronisch geregelte Vorderachsquersperre. 1976 bestand das GTI-Fahrwerk aus kürzeren Federn und zwei Stabilisatoren — mehr nicht.
Fahrwerksregelung, Fahrdynamikmanager, Progressivlenkung und ESC arbeiten mit eigenen Datensätzen, eine elektronisch geregelte Vorderachssperre verteilt die Kraft zwischen den Vorderrädern. Und: Mit dem Performance-Paket kommen geschmiedete Räder und eine Titan-Abgasanlage ans Auto – unterm Strich spart das rund 25 Kilogramm. Das macht den Golf GTI Edition 50 zum schnellsten Serienfahrzeug mit Frontantrieb auf der Nürburgring-Nordschleife.
270 km/h Spitze und die schnellste Nordschleifen-Runde, die je ein frontgetriebenes Serienfahrzeug gefahren ist. Der erste GTI schaffte 182 km/h – zu einer Zeit, in der den meisten Mittelklasse-Limousinen bei 160 km/h die Luft ausging.
Und trotzdem ist der stärkste GTI ein Golf geblieben: Er hat eine Rücksitzbank mit Isofix-Befestigungen, 374 Liter Kofferraumvolumen und umklappbare Rücksitze. Die adaptiven DCC-Dämpfer können nicht nur sportlich, sondern auch komfortabel, der Travel Assist übernimmt das Abstand- und Spurhalten auf der Autobahn, der 2,0 Liter Turbomotor entspannt sich im Teillastbereich. Dass sich sportlich und zivil nicht ausschließen müssen, gilt heute genauso wie vor 50 Jahren.