Der VW Golf GTI Edition 50 trifft auf den GTI 16V von 1986 und die Band, die der Modellreihe vor 30 Jahren fast zufällig ein musikalisches Denkmal setzte
Und das mitten auf der Rambla, qué fuerte! Man hätte ja mit vielem gerechnet in Barcelona. Mit Cava und Jamon, frechen Strandverkäufern und dem ein oder anderen Cerveza vielleicht. Aber sicher nicht mit einem gepflegten und unüberhörbaren „DA HAUSMASTAAA!“ aus der Besuchermenge. „Da hat mich tatsächlich einer erkannt, als wir dort auf Urlaub waren“, erzählt besagter Hausmasta, der im wahren Leben Markus Mayer-Roth heißt von einer der Anekdoten aus dem Musikerleben, die ihn immer noch zum Schmunzeln bringen. Und die zeigen, dass man es durchaus zu einer beachtlichen Popularität geschafft hat. Doch wer eigentlich? Und wie? Es ist die Geschichte von fünf Freunden, die aus Spaß ins Musikgeschäft gingen und mit der ersten Single einen Volltreffer landeten: Golf.
„Du haust di in die Patschn und du mochst da an Kaffee. Jeden Tag des gleiche, des tuat scho langsam weh. Auch aufs Duscheln kannst verzichten, weil nach fünf Minuten seidelst eh scho wieder wie a Öch – des wird da nie vergeh.“
„Was ja kaum mehr einer weiß. Wir haben ursprünglich als Cover-Band angefangen“, ergänzt Martin Matzinger, aka Lo Frequency Moz die Anfänge der Fünfhaus Posse. „Mit zweien bin ich in die Schule gegangen. Blieb dann sitzen und traf dort den nächsten. Und den Markus haben wir in einem Lokal kennengelernt.“ Rein zufällig suchte man just in dem Moment einen Keyboarder, das eine ergab sich mit dem anderen und auch wenn man sich anfänglich nicht ganz einig war, in welche Richtung das Ganze gehen sollte, filterte sich immer stärker der Stil heraus. Jazziger Hip Hop, natürlich im Dialekt, was zu Beginn der 1990er eine echte Pionierleistung war. Doch worüber sollte man singen? „Wir haben einfach ein wenig herumgejammed“, ergänzt Mischa Janisch, schlicht bekannt als Dr. M, und probierte einfach das ein oder andere aus.
Mehr mit Hammer und Schraubenschlüssel jammte man Mitte der Siebziger in Wolfsburg. Der Golf war endlich in Serie, wurde langsam erfolgreicher, doch irgendwie konnte es das ja noch nicht gewesen sein. Wild experimentierte man herum, bastelte Geländeversionen, Langvarianten, auch eine frisierte. Und der über 100 PS starke Prototyp hatte was. Spätestens als die jungen Entwicklungsingenieure begeistert erzählten, damit unschuldige Porsche auf der Autobahn herzubasteln, filterte sich der Stil eines neuen Modells heraus. Stark und schnell ja, aber schon im Dialekt von Volkswagen. Somit jubelte man einen noch schnelleren Versuchsträger dem damaligen Entwicklungsingenieur Prof. Ernst Fiala unter, ein echter Wiener und Vollblutglüher unter dem Herrn, der sinngemäß nach dem ersten Ausflug in seine Heimatstadt damit klar machte, dass man sowas doch bitteschön zur Serienreife entwickeln sollte.
Du haust di in dein Hobel, haglst ein in Rückwärtsgang. In Nachbars Auto machst an Fahra, s’hatta eh scho vü zlang. Lasst die Kupplung schnoizn, auf da Stroßn mochst an Strich. Die Oma hupft in Acker macht, weil jeder Steck’n bricht.“
Nach diversen Jam Sessions reiften die Ideen für erste eigene Songs. „Dass wir uns Fünfhaus Posse nannten, lag daran, dass ich als einziger aus Rudolfsheim Fünfhaus komme“, ergänzt Markus noch, und erste Auftritte im Wiener Clubleben zeigten schnell, dass das Publikum das neue Genre begeistert annahm. Auch Produzenten lauschten achtsam mit und traten an das junge Quintett heran, ob sie nicht bei der nächsten Compilation dabei sein mochten. Na logo. „Ja und das Lied, das schon am ehesten fertig war, war eben der Golf.“ Inspiriert vom Blick auf die Straßen der Hauptstadt, war es nicht schwer, Content zu finden. Der Golf GTI war vor allem in zweiter und dritter Hand das Basisgerät der Zeit. Alleine in Wien gab es zahlreiche Clubs, Tuninggeschäfte und Händler, die als heiße Anlaufstelle für die besten Teile galten. Kurz: Man entkam dem Thema nicht, und wer so wie die Jungs von der Fünfhaus Posse ganz genau hinsah, konnte ein schönes Sittenbild ausmachen. Wie das Leben zu jener Zeit in der Wiener Stadt einfach war. Der Alltag, vielleicht sogar das Erwachsen werden. „Zwei Strophen machte ich, eine der Martin und den Refrain der Alex, aka Vibration Lex“, erinnert sich Herr Mayer-Roth, und ehe man sich versah, stolperte auch das Radio über den Song mit dem leicht zu merkenden Titel und setzte ihn auf heavy rotation.
1975 hatten die Entwickler den GTI fixfertig. Eine coole Single-Auskopplung des großen Labels Volkswagen, aber ob der Stoff für ein Album reichen würde? Mehr als 500 Stück traute das Produktkommitee dem schnellen Kleinen mit 110 PS nicht zu. So kurz nach der ersten Ölkrise, dazu sei man ja auch eher für vernünftige und langlebige Ware bekannt, quasi Verkaufs-Schlager, und nicht für fast schon an Unvernunft grenzende Freudentöne. Wie gesagt, 500, das reicht für diverse Homologationen für den Motorsport, dann ist aber Schicht im Schacht. Dass die erste Serie schneller vergriffen war, als man VW buchstabieren konnte, zeigte allen, dass man hier an etwas Größerem dran war. Man prüfte und rechnete und gab 1976 dann den finalen Startschuss. Es war Zeit für VWs erstes Punk-Album namens GTI.
Des Autofoahrn is leiwand, so vü um di passiert. Der eine stiert in der Nosn, der andre hupt weils eam pressiert. Und zeigt da wer in Finger, weil du eam gschnittn host, dann deutst du zruck und schimpfst eam – und hoffst er steigt net aus.“
1996 hat es Golf von der Fünfhaus Posse endgültig geschafft. Der öffentliche Rundfunk (Privatsender gab es damals nur wenige) fand seinen Gefallen an der neuen österreichischen Welle, das Donauinselfest fragte für einen Gig auf der großen Bühne an und es gab sogar ein Event, bei dem die Jungs gegen einen amtierenden GTI-Club um die Wette Reifen wechseln mussten. Alles entwickelte sich prächtig, bis hin zu Begegnungen der dritten Art in Barcelona, sodass es endgültig Zeit wurde, das erste Album auf die Reihe zu kriegen. „Wie es halt so ist in jungen Jahren, ist man dann oft nicht einer Meinung, sodass die Besetzung der weiteren Lieder leicht anders war“, erinnert sich Markus an die Produktion von Aufpudeln, für das man sogar aufwändig das Cover produzierte, im Roxy mit zwei geborgten Pudeln, „wobei man den schwarzen am Cover eh fast nicht erkennt.“ Spätestens als Volkswagen höchstpersönlich anklopfte und für die Markteinführung des Lupo ein Lied bestellte, war klar, dass die gemeinsame Sache weitergehen musste.
Zehn Jahre nach der Premiere hat es der GTI zum Fixstarter in der Produktpalette geschafft. Es war langsam Zeit für eine neue Auskoppelung. Die hedonistischen 1980er verlangten einfach nach mehr, und als letzter Schrei galt, die Anzahl der Ventile zu verdoppeln. 16 statt acht, das sorgt nicht nur für einen besseren Gasdurchsatz. Das spezifische Gewicht der einzelnen Ventile ist zudem leichter, was die Drehfreudigkeit erhöht und die Leistung von 112 auf seinerzeit wohlfeile 139 anhob. Dazu ging er 260 am Tacho und vor allem aber gab es eine rote Plakette unter dem bereits ikonischen GTI-Schriftzug, der gemeinsam mit der seinerzeit eingeführten Dachantenne wohl zum beliebtesten Zubehörteil wurde, das man einfach nachrüsten musste. Und es gab ein Wort, das sich so herrlich zum reimen verwenden ließ.
Sag ma wos du foahrst, und i sog da wer du bist. Du foahrst an Goif Tschi-Ti-Ei Turbo Sechzehn-Ventü. Mit Niederquerschnitt-Sommerlutschka ohne Profü. Du foahrst an Goif Tschi-Ti-Ei Turbo Sechzehn-Ventü, auf der Südost an Audi stauben, oida, des is a Gfüh.“
Als Aufpudeln 1996 erschien, konnte man von mehr als nur von einem Achtungserfolg sprechen. Die Basis für ein Folgealbum war gelegt, doch wie sollte dieses klingen? „Wir waren uns intern nicht so ganz einig, dazu gab unser Label auch eine Richtung vor“, erzählt Markus von einer Weggabelung, die für eine erneute Umbesetzung sorgte. Man solle internationaler klingen, hieß es, der Mundart-Rap war somit vorerst eingeparkt. Nach Martins Abgang folgte eine Phase der Neufindung, die viele Bands nach den ersten Erfolgen durchleben mussten. Immer gab es andere Vorgaben vom Verleger, man brauche einen Hit, man müsse sich nach Deutschland orientieren, und alles zog sich so lange hin, dass die Luft ein wenig aus der Sache draußen war. Und als Krönung hieß es pünktlich zur Fertigstellung des zweiten Studioalbums „Fünfhaus“, dass es vielleicht am Besten wäre, es garnicht zu lancieren. „Also brachten wir es auf eigene Faust auf den Markt“, ergänzt der Hausmasta, „zum Glück, denn einige der Songs darauf sind tatsächliche unsere besten.“ Das findet sogar Martin, der zu dem Album nur mehr teilweise beigetragen hat.
1996 war der GTI schon längst zur eigenen Marke geworden. Es gab ein 20-Jahre-Sondermodell, es gab ihn als 8V, 16V, zeitweise sogar als Diesel, aber irgendwie verlor man auch hier ein wenig die Grundidee aus dem Fokus. Eigentlich griffen alle lieber zum TDI, der VR6 war der neue Leithammel im Golfsrudel und die Konkurrenz so mannigfaltig zugegen, dass der alte Punker ins Hintertreffen geriet. Erst zehn Jahre später erkannte man das Potenzial und startete einen Neubeginn, die wie eine Reunion der klassischen Zutaten wirkte: Rot umrandeter Kühlergrill. Schwarzer Innenhimmel. Sitze im Karo-Muster. Ganz neu dafür war 2005 der Antrieb. Erstmals kam ein zwangsbeatmeter Zweiliter-Vierzylinder zum Einsatz, mit 200 Pferden, wobei man als Beinamen dezent auf „Turbo-16-Ventü“ verzichtete und es schlicht bei GTI beließ.
„Sei Oide tuat nix koch’n nur mit Freundinnen trotschn, für sein Guif brauchta dringend neiche Alu-Potschn. Zwa vachromte Leistn hams eam a scho gstessn und die Nebelscheinwerfer san hoit nimma die besten.“
Nach dem zweiten Album verlor man sich bei Fünfhaus zwar nicht aus den Augen. Das Leben öffnete sich für alle aber in vollem Umfang, jeder entwickelte sich in seine Richtung, wobei man der Musik stets treu blieb. Zwei schafften es zu einer Professur zu diesem Thema, einer wurde taktvoller Tontechniker, einer gefragter Grafiker und selbst die Würden der Telekommunikation kann man nur bewerkstelligen, wenn man stets den richtigen Ton trifft. Die Reunion anlässlich des 30-jährigen Liedjubiläums, des 40-jährigen 16V-Jubiläums und des 50-jährigen GTI-Jubiläums mitten in Moosbrunn, nur unweit des Studios, in dem „Golf“ zum ersten Mal eingesungen wurde, hatte schnell den Flair eines Klassentreffens, was den Fotografen manchmal leicht aus dem Takt brachte. Man hatte viel zu erzählen, drei Jahrzehnte sind schließlich eine lange Zeit. Alle stehen sie mitten im Leben, man fährt Touran, ID.4 oder Puch Maxi, erkundigt sich nach dem Wohlbefinden der Kinder. Und dennoch wirkt der Kontakt mit den zwei GTIs – dem von damals und der Jubiläumsauflage zum 50er – wie ein Sprung zurück nach 1996.
Der GTI Edition 50 versucht ebenso, den Bogen über ein halbes Jahrhundert Autoleben zu spannen, was an sich schon ein Thema für sich ist. Karositze? Pflicht. Metallic-Lack? Fix, oida. Sportauspuff? Alles Serie natürlich, genauso wie ein dezenter Heckspoiler und 19-Zoll-Aluräder in dezentem Rot, was anno 1996 undenkbar gewesen wäre. Seinerzeit war man mit BBS-Kreuzspeichen in 15 Zoll schon König der Nacht, ganz zu schweigen von den mittlerweile 325 PS, die gekoppelt an das Siebengang-DSG-Getriebe den schnellsten GTI aller Zeiten in nur 5,3 Sekunden auf 100 km/h schießen, den Rückwärtsgang aber nicht mehr reinhagln lassen. Der 16V von 1996 gab sich mit 8,2 Sekunden zufrieden und als Gesamtpaket steht der Edition so harmonisch und klangvoll da, dass man weder eine Tieferlegung noch eine Leistungssteigerung braucht. Ob man über die Jahre sich von der Szene hat inspirieren lassen? Irgendeinen Grund muss es ja haben, dass er wie das Best-of-Album der Baureihe wirkt.
„Scho da R Punkt Fendrich hat gsogt, für a grünes Wien. A Bledsinn, a Leichtsinn. In jede Kurvn stellns da an Bam hin. A die 30er-Beschränkung kennan sa si schiabn, ja kannst die Reibn ja net amoi ausprobiern, wö hinter jeda Eckn lauert die grüne Gfoahr. Wann de so weitamochn und des is woahr, dann kömma Tramway foahrn. Tramway foahrn. Vastehst, das gonze Joahr.“
Nach dem Shooting erlaubt man sich eine Pause, um ein wenig ins Philosophieren zu kommen. Wie damals, als die Kofferräume die Sitzgelegenheiten auf den nächtlichen Tankstellen waren, greift man heute lieber zu alkoholfreiem Bier als zu einem der zahlreichen Energy Drinks, die in den 1990ern ganze Jugendzimmerregale füllten. Dass damals genau hier monströse Kurzwellenantennen standen, die öfters die Aufnahmen im Studio störten, war nur eine der Schnurren, die man sich austauschte. Oder dass eine Professorin einst einen GTI der ersten Serie fuhr, die „Sommerlutschka ohne Profil“ ursprünglich ein gereizter Busfahrer zitierte. Und der erste eigene Golf seinerzeit genau den gleichen Geruch hatte wie unser schwarzes Exemplar noch heute. Wobei ein Thema dann länger im Gespräch blieb: Wie würde das nächste Album aussehen? „Jetzt hast mich damit echt angefixt“, erhebt der Hausmasta die Stimme und kommt sichtlich ins Grübeln. Die Fünfhaus Posse lebt! Und wir gratulieren herzlich zum Jubiläum.
Nach der neuesten Auskoppelung des ewigen Punk-Albums von Volkswagen bleibt auch hier die Frage, wie es mit dem GTI weitergehen wird. Doch sicher kann gesagt werden, dass der Megahit vom Mittellandkanal noch nicht das Ende erreicht hat. Aber ob mit 16 Ventilen, oder mit Turbo? Der ID. Polo GTI könnte einen ersten Vorgeschmack geben. Klar, sauber, zeitgemäß, die Weichen für den Golf GTI, Generation 9 sind schon gestellt. Manchmal braucht es halt doch nur eines groben Remix, um einen goldenen Oldie topmodern zu machen, vastehst?
© Bilder: Alexander Seger
Text: Roland Scharf
Songtexte: Fünfhaus Posse