„Einblicke“: Ein Bildband öffnet die Tore zur Sammlung von Audi Tradition

Audi-Mitarbeitende und andere Eingeweihte nennen sie die „heiligen Hallen“. Und meistens bekommen sie glasige Augen, wenn sie von ihnen sprechen. Gemeint sind die diversen Depots rund um Ingolstadt, in denen insgesamt mehr als 125 Jahre Automobilgeschichte be- und verwahrt werden … und die normalerweise für die Öffentlichkeit unzugänglich bleiben. Mit „Einblicke – Die Fahrzeugsammlung der Audi AG“ legt Audi Tradition jedoch einen opulenten Bildband vor, der erstmals einen umfassenden Blick hinter die Kulissen einer der größten Fahrzeugsammlungen Europas erlaubt. 

Das im Delius Klasing Verlag erschienene Werk vereint auf 256 Seiten über 300 Fotografien und erzählt die wechselvolle Geschichte der Marken Audi, Auto Union, DKW, Horch, Wanderer und NSU; von den ersten motorisierten Fahrversuchen um 1900, über hollywood-inszenierte Blicke in die Ferne Zukunft bis in die moderne Gegenwart.

Hinter der Kamera sorgte der Berliner Fotograf Stefan Warter für die rechte Inszenierung; verbrachte mehrere Tage in den sonst nicht zugänglichen Hallen, in denen Audi Tradition aktuell über 700 Kraftfahrzeuge und knapp 200 Motorräder sowie zahlreiche Kleinexponate verwahrt. Die einfühlsamen Aufnahmen werden von den Texten des Audi-Unternehmenshistorikers Ralf Friese begleitet.

Der Audi 200 quattro Safari in der historischen Fahrzeugsammlung der AUDI AG – umrahmt von weiteren Rallye-Ikonen und Le-Mans-Boliden.

Dabei muss man als Automobilromantiker nicht lange durch den ersten der sechs Buch-Abschnitte („Die frühen Jahre“) blättern, um ins Schwelgen zu geraten .. vor allem, wenn man als Österreicher auf der Suche nach Lokalkolorit ist: So widmet sich gleich die erste Geschichte dem Audi Typ C „Alpensieger“ (1911–1925). Einem Auto also, das seinen Beinamen zahlreichen Klassensiegen bei der Internationalen Alpenfahrt verdankte. Und die führte einst quer durch Slowenien, Italien und eben Österreich. 

Nicht minder spannend: die Geschichte des Audi Typ R „Imperator“ (1927–1929) auf Seite 26. Von nur 145 gebauten Chassis des imposanten Spitzenmodells hat vermutlich einzig das Exemplar aus der Sammlung überlebt – seiner Karosserie beraubt diente es in der Nachkriegszeit als Feuerwehrfahrzeug, überstand kriegsbedingte Verschrottungswellen und wurde erst Jahrzehnte später mit einer historisch korrekten, siebensitzigen Tourenwagenkarosserie originalgetreu wiederaufgebaut.

Von Professor Arno Drescher stammt der Entwurf der „Audi-1“, die ab 1923 die Kühler aller bis zur Fertigungseinstellung im Jahr 1940 gebauten Audi-Fahrzeuge zierte.
Die DKW-Front-Modelle unterlagen steter technischer Weiterentwicklung. Von links DKW F 1 von 1931, DKW F 5 Roadster von 1937 und DKW F 2 Meisterklasse Cabrio-Limousine von 1933.
Zu den Raritäten in der historischen Fahrzeugsammlung gehören die beiden im Vordergrund sichtbaren DKWs aus Brasilien: eine 1967er DKW-Vemag Belcar Limousine und einer von 35 gebauten DKW Malzoni GT mit Fiberglaskarosserie.
Ein in Deutschland stationierter amerikanischer Armeeangehöriger hatte den Wanderer W 25 K in die Vereinigten Statten mitgenommen und ihn dort noch bis 1956 gefahren. Ursprünglich war dieser W 25 K ein Roadster gewesen. Ein unbekannter Blechkünstler hat ihn mit den Türen des Cabriolets umgebaut und damit etwas wetterfester gemacht.

Von Aufbruch zu Vorsprung

Das zweite Kapitel bekam sodann den Namen „Aufbruchstimmung“ verpasst und widmet sich namensgemäß den technisch besonders spannenden Nachkriegsjahren. So hat hier der NSU Prinz II mit Wankel-Motor ebenso seinen großen Auftritt, wie „Molly“ & „Moppel“. Gemeint sind zwei Sprösslinge der Zeit der Kunststoffexperimente – es handelt sich um Kleinwagen-Prototypen mit Karosserien aus Kunstharz-Schichtstoff beziehungsweise glasfaserverstärktem Kunststoff. Nur eine Handvoll davon ist erhalten geblieben … und heute natürlich im Besitz von Audi Tradition. Und auch in diesem Kapitel bleibt der Österreich-Bezug nicht aus, tauchte doch ein weiterer Fund dieser Materialpionierzeit ausgerechnet in der Alpenrepublik auf: Ein DKW-Geländewagen mit Kunststoff-Wannenaufbau; 2009 entdeckt und heute ebenfalls Bewohner der „heiligen Hallen“.

Kapitel drei – „Vorsprung durch Technik“ – bietet sodann Einblick in die Zeit ab 1971, als der heute so untrennbar mit den vier Ringen verbundene Slogan erstmals zur Verwendung gebracht und auch unter Beweis gestellt wurde. Etwa als ein Audi 100 5D 1978 in nur 66 Tagen die Welt umrundete, oder als das 1981 auf der IAA gezeigte Audi Forschungsauto Umweltthemen vorwegnahm, die unter dem Stichwort „Audi for Future“ bis heute aktuell sind. 

Ab Kapitel Vier steigt dann explosionsartig der Adrenalingehalt. Etwa mit dem vermutlich selbst bei manchen Kennern noch ein „ooooh“ auslösenden Artikel zum Audi RS2. Dass die Entwicklung hier in Kooperation mit Porsche in Zuffenhausen vonstatten ging, werden die meisten zwar sicher noch wissen, dass es aber auch RS2 Limousinen sowie die Studien zu einem RS2 Coupé und einem RS4 in Form einer Adaption des Antriebsstrangs in eine S-4-Limousine der C-Baureihe (Audi 100) gab, vielleicht schon nicht mehr.

Für Kinofans hält die Sammlung indes gleich zwei Höhepunkte bereit, die ebenfalls im Buch zu finden sind: Ein originaler Audi 200 mit Wiener Kennzeichen diente 1987 in „James Bond 007 – Der Hauch des Todes“ als Fluchtfahrzeug – passend dazu wurde ein Teil des Films tatsächlich in Wien gedreht. 

Rund zwei Jahrzehnte später sorgte der Audi RSQ - hier rechts zu sehen - für Kinomagie: Das 2004 eigens für den Science-Fiction-Blockbuster „I, Robot“ entwickelte Showcar mit Flügeltüren, Xenonlicht und extrem geduckter Silhouette nahm jene Formensprache vorweg, die kurz darauf im Serienmodell Audi R8 Gestalt annahm.

Es lebe der Sport 

Auch der Motorsport kommt natürlich nicht zu kurz: In den Depots reihen sich original erhaltene wie auch originalgetreu nachgebaute Auto-Union-Grand-Prix-Silberpfeile der 1930er-Jahre ganz selbstverständlich neben den nach Einsatzjahren geordnet die Le-Mans-Boliden ein. Und rundherum parken rund vier Jahrzehnte Rallye-, DTM- und Tourenwagensport: von den legendären Sport-quattro-S1-E2-Rallyeboliden über den nur drei Mal gebauten Audi 80 quattro 2,5 V6-Prototyp bis zum von Frank Lamberty gestalteten „Krokodil“, das im Jahr 2000 beim Millennium Race im australischen Adelaide für Aufsehen sorgte.

Die 1998 gegründete Audi Tradition bewahrt und pflegt das automobile Erbe der vier Ringe bis heute – öffentlich sichtbar wird diese Bemühung in der Regel immer nur stückchenweise. Etwa durch die wechselnden Ausstellungen im museum mobile in Ingolstadt wie einst der zur Geschichte der A6-Baureihe, oder bei der Feier großer Jubiläen wie „50 Jahre 5 Zylinder“

Der Bildband „Einblicke“ gewährt nun all jenen, die sich für die Geschichte der Vier Ringe und ihrer Vorgängermarken begeistern können, einen seltenen Zugang zum nahezu allen Schätzen der Depots und macht damit für Automobilfans und Sammler die Tiefe und Vielfalt der Audi-Firmengeschichte erlebbar ... durchaus eben auch insbesondere für solche aus Österreich. 

Der Bildband ist im österreichischen Buchhandel, wie etwa auch über den Shop von Audi Tradition erhältlich.

Auch modernere Schätze haben ihren Platz in der Sammlung. Unter der Regie der quattro GmbH fand der Antriebsstrang des Audi RS 4 etwa Platz in der eng geschnittenen Hülle dieses ersten Audi TT. Es blieb bei einem Einzelstück mit atemberaubendem Auftritt und ebensolchen Fahrleistungen.

Bibliografische Angaben

Ralf Friese, Stefan Warter: „Einblicke – Die Fahrzeugsammlung der Audi AG“

Edition Audi Tradition, Delius Klasing Verlag, Bielefeld

1. Auflage 2022, 256 Seiten, 364 Fotos

Format: 27.3 x 2.7 x 29.5 cm, gebunden

ISBN 978-3-667-12529-3

Preis: € 59,00 (unverb. empf. Verkaufspreis)

Erhältlich im Buchhandel sowie im Audi Tradition Online Shop

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